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Titel: Interview

9

Die Bundeswehr

September 2015

Eggesin war ein großer und wichtiger Standort der Nationalen Volksarmee der DDR. Dieses Bild aus

dem Jahre 1982 zeigt einen jungen Rekruten während der Grundausbildung.

Ein Kampfpanzer des Typs T-54 der NVA. Das Bild entstand 1981 im

Raum Torgelow. Die 9. Panzerdivision galt als Elite-Verband und war

später komplett mit dem neueren Panzertyp T-72 ausgestattet.

nicht mehr von dieser DDR-Regie-

rung, sondern von einer anderen

Regierung. Und logischerweise

werden die bestimmen. Auf der

anderen Seite war dieser 3. Oktober

für mich persönlich ein Tag der

Befreiung: Ich war die ganze Last,

die ganze Verantwortung mit einem

Mal los. Ich war froh, dass wir bis

dahin keine größeren, medienwirk-

samen Geschehnisse hatten und es

bei uns den Umständen entspre-

chend normal lief. Die Sicherheit

war gewährleistet. Daher war es ein

Aufatmen und keiner konnte sagen,

dass wir etwas hinterlassen hätten,

das nicht in Ordnung war.

Die Bundeswehr:

Oberstleutnant

Grünebach, Sie sind nach Eggesin

versetzt worden. Ein anderer Stand-

ort in Deutschland, aber doch war

es wie das Ankommen in einem

anderen Land. Wie waren Ihre

ersten Eindrücke? War es auch ein

bisschen wie ein Kulturschock?

Grünebach:

Das war für mich schon

ein Kulturschock. Das fing schon an

mit derAnreise. Ich musste zunächst

mühsam rausfinden, wo auf der

Strecke eine Tankstelle mit bleifrei-

em Benzin ist. Die hatte ich dann

gefunden, Höhe Prenzlauer Berg.

Auf der Autobahn kamen weitere

Überraschungen: Zunächst einmal

eine Geschwindigkeitsbegrenzung

von 30 km/h wegen des Zustands der

Straße und dann auch noch ein

Zebrastreifen. Da habe ich gedacht:

Was ist denn hier los? In Prenzlau bin

ich dann von derAutobahn runter auf

dieLandstraße. HinterTorgelowkam

dann die fürchterliche Strecke über

Hammer. Das war eine berüchtigte

Horrorstrecke. Da habe ich gedacht:

Wenn das jetzt so weiter geht – oh

Gott. Ich habe dann den Weg zum

Divisionsstab gefunden und bin zum

ersten Mal durch Eggesin gefahren.

Etwas für mich völlig neues waren

die Plattenbauten, aber auch die

schwarzen Häuser von Karpin, die ja

eine besondere Form hatten. Dann

kam ich in das Ledigenwohnheim.

Die Zimmer waren gut, der Schock

war dann aber dieDusche. Es gab nur

eine auf dem ganzen Flur.

Marschner:

Wenn ich etwas ergän-

zen darf: Oberstleutnant a.D. Grü-

nebach ist damals über Hammer

gekommen, wo die Straße in einem

katastrophalen Zustand war. Es gab

aber auch eine bessere Straße. Die

war allerdings von staatlicher Seite

gar nicht richtig in den Karten ver-

zeichnet worden, weil sie an den

Einrichtungen der Armee vor-

beiführte. Deswegen musste jeder

über die schlechte Straße fahren.

Die Bundeswehr:

Oberst Marsch-

ner, Ihre militärische Karriere

endete mit der deutschen Einheit.

Hätten Sie es sich vorstellen kön-

nen, in der Bundeswehr weiter zu

dienen, wenn es Ihnen möglich

gewesen wäre?

Marschner:

Ich hatte ein längeres

Gesprächmit General vonKirchbach.

Ich hätte esmir vorstellen können und

habe alleUnterlagen eingereicht, aber

wir mussten die gleiche Gesundheit-

sprüfungmachenwie ein junger Offi-

zieranwärter derBundeswehr. Ichhat-

te inder Zeit eineAugenoperationund

wurde daher als nicht tauglich einge-

stuft. Ansonsten wäre ich zu einer

Fortsetzung des Dienstes in der Bun-

deswehr bereit gewesen.

Die Bundeswehr:

Nun sind Sie bei-

de nach langer Zeit wieder in Egge-

sin. Was empfinden Sie dabei?

Grünebach:

Ich bin zwischenzeit-

lich zwei Mal hier gewesen. Nach

meinemEmpfinden liegen aberWel-

ten zwischen Oktober 1990 und heu-

te. Das fängt schon bei der Anfahrt

über die neue Autobahn an. Beson-

ders deutlich wird es aber bei der

Durchfahrt der Orte Prenzlau, Pase-

walk oder auch Eggesin: Radwege,

schöne Bürgersteige, die Häuser

nicht mehr in diesemdreckigen Grau

– da ist richtig viel passiert. Mir soll

da einer erzählen, hier wäre nichts

geschehen. Natürlich betrifft das die

Infrastruktur, die auf den erstenBlick

sichtbar ist. Was die Probleme der

Menschen angeht, das kann man

nicht so schnell erfassen. Das kann

ich natürlich nicht beurteilen.

Die Bundeswehr:

Oberst Marsch-

ner, Sie haben den Standort ja noch

erlebt als einen großen, blühenden

Standort, der die Heimat einer kom-

pletten Division war. Wir wirkt es

auf Sie, wenn Sie heute die vielen

leeren Kasernen sehen? Im Ver-

gleich zu früher ist ja nur noch ganz

wenig militärisches Personal in

Eggesin.

Marschner:

Wenn man dieArbeits-

plätze und die ganzen anderen

Besonderheiten sieht, die das

Militär damals mit sich gebracht

hat, wirkt es heute schon etwas

deprimierend. Mit der NVAwurden

Arbeitsplätze geschaffen, etwa die

Elektromotorenwerke

Eggesin.

Viele Offiziere haben damals

gesagt: Ich komme hier hoch, wenn

auch für meine Frau Arbeit da ist.

Das wurde ja dann alles gemacht.

Hinzu kommt das Wohnungsbau-

programm. Daraus resultierte auch

damals die Meinung, dass die „9.“

eine Elitedivision sei. Mit der Bun-

deswehr, die ja damals alles eins zu

eins übernommen hat, blieben

zunächst viele Arbeitsplätze in der

Region. Es wurde zwar langsam

weniger, aber vieles blieb. Die

Kommunalpolitiker hatten die

Hoffnung, genährt von Aussagen

Foto: dpa

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