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Auf diesem Bild sind zwei ehemalige Kommandeure der 9. Panzer-

divsion zu sehen: Karl Marschner (r.) und sein Nachfolger Hans-

Peter von Kirchbach (l.). Beide reisten im September 1990 zu einer

Schulung nach Buxtehude. In der Mitte: Generalmajor Winfried

Weick, damals Kommandeur der 3. Panzerdivision

Titel: Interview

10

Die Bundeswehr

September 2015

aus der Bundespolitik, dass Eggesin

als Militärstandort erhalten bleibt.

Daran haben viele geglaubt. Viele

haben auch aufgrund dieser Aussa-

gen versucht, hier ein Standbein

aufzubauen – und gingen in der Fol-

ge Pleite. Die andere Seite ist aber:

In 25 Jahren hat sich dieWelt so ver-

ändert, dass die verteidigungspoliti-

schen Herausforderungen ganz

anders sind als damals. Daher ist es

nur normal, dass sich die Struktur,

dieAusrüstung und Bewaffnung der

Bundeswehr auch hier in Eggesin

dem anpassen.Von derWarte aus ist

es völlig normal, dass Kasernen

geschlossen werden. In wirtschaft-

lich gut funktionierenden Regionen

wie etwa Baden-Württemberg oder

anderes politisches Denken war,

sondern allein wegen der militäri-

schen Ausbildung. Da waren die

Unterschiede groß, etwa in der

Spezialisierung der Pionierma-

schinen. Und es gab natürlich einen

großen Nachholbedarf.

Marschner:

Ich kenne viele, die

von der Bundeswehr übernommen

wurden. Nur wenige dienen heute

noch, altersbedingt. Ich kenne vie-

le, die gerne übernommen worden

wären, es aber nicht wurden – aus

den unterschiedlichsten Gründen.

Und ich kenne viele, die gar nicht

den Wunsch hatten, übernommen

zu werden. Daher stellt sich für

mich schon seit vielen Jahren die

Frage der Armee der Einheit nicht

Rheinland-Pfalz fallen Kaser-

nenschließungen nicht so ins

Gewicht: Man freut sich dann über

den Platz, den man für Industrie-

Ansiedlungen hat. Das passiert bei

uns natürlich nicht. Dennoch ist das

für mich alles ein völlig normaler

Vorgang. Was in zehn Jahren hier

noch ist oder vielleicht wieder sein

wird, das wissen wir alles nicht.

Die Bundeswehr:

Nun haben wir

seit 25 Jahren vereinigte Streitkräf-

te. Wie ist Ihre Einschätzung: Ist

diese Armee der Einheit vollendet

oder gibt es noch Unterschiede zwi-

schen Ost undWest?

Grünebach:

Ich kann das natürlich

nur sehr eingeschränkt beurteilen, da

ich nur sieben Monate in Eggesin

war. Danach hatte ich nur wenig

Kontakt zu den Kameraden der ehe-

maligen NVA. Wir hatten später im

StabOffiziere, damerkteman natür-

lich imGespräch, dass da ein anderer

Hintergrund war. Nicht, weil da ein

mehr. Ich war damals in der Gene-

ralstabsakademie. Wir waren

zwölf Offiziere in der Gruppe.

Drei von denen wurden übernom-

men und haben ihren Dienst bis

zum Erreichen des pensionsfähi-

genAlters in der Bundeswehr fort-

gesetzt. Die haben in den Stäben

der Bundeswehr ganz normal

gedient wie andere auch. Ich wüs-

ste nicht zu sagen, warum diese

Armee der Einheit in irgendeiner

Weise misslungen wäre – absolut

nicht. Dass jeder, den es persön-

lich betroffen hat, es vielleicht

anders sieht, ist klar. Aber ich ver-

trete die Auffassung, dass es im

großen und ganzen spätestens

nach 1995 keine Unterschiede

mehr gab. Die Spielregeln waren

klar, und fair behandelt wurde in

der Regel jeder.

Die Bundeswehr:

Vielen Dank

für das Gespräch!

Hans-Peter von Kirchbach

erlebte als Kom-

mandeur der 9. Panzerdivision in Eggesin die

partielle Überführung der NVA-Truppenteile in

die Bundeswehr vor Ort mit. 1997 erlangte

General von Kirchbach während des Oder-

Hochwassers Bekanntheit, als er mit 30 000

Soldaten einen unersetzlichen Beitrag zum

„Wunder von Hohenwutzen“ leistete, der Ver-

teidigung der durchnässten Deiche gegen die

zweite Flutwelle im Oderbruchgebiet. Von

1999 bis 2000 war von Kirchbach Generalin-

spekteur der Bundeswehr.

Freiheit sprang, Menschen, die ver-

suchten durch ein Fenster in den

Westen zu gelangen, Straßen, die

plötzlich geteilt waren. An meine

Familie habe ich auch gedacht.

Wird es überhaupt noch einmal

möglich sein, in der DDR lebende

Verwandte wiederzusehen?

Wir alle empfanden ein Gefühl des

Zorns und gleichzeitig der Ohn-

macht. Die Gemeinschaft im Hör-

saal half, mit den Dingen fertig zu

werden. Auch was dem 13. August

folgte, die Diskussion um einen

Flug des Bundeskanzlers nach Ber-

lin, die Fahrt einer amerikanischen

Kampfgruppe durch die DDR nach

Berlin, der Besuch des amerikani-

schenVizepräsidenten, um der Ber-

liner und der deutschen Bevölke-

rung Rückhalt zu geben – das alles

sehe ich noch vor mir.

Es folgten die langen Jahre der

Teilung. Der kalte Krieg hatte uns

fest im Griff. Wir bereiteten uns

zusammen mit unseren Bünd-

nispartnern auf die Verteidigung

unseres Landes vor. Ausbildung

und Übungen waren davon

bestimmt. Auch ich gehörte zu den-

jenigen, die nicht gedacht und kaum

erhofft hätten, zu Lebzeiten,

geschweige denn im aktiven Dienst,

die Wiedervereinigung zu erleben.

Als ich 1988 für ein Jahr in die

USA versetzt wurde, fiel mir auf,

dass ich noch nie zuvor so viel über

eine eventuelle Wiedervereinigung

gefragt worden war. „Change is in

the air“ war das Ergebnis eines

Europa-Seminars. Meine Antwort

auf die Frage nach einerWiederver-

einigung war immer dieselbe: Sie

wird kommen aber sie steht zur Zeit

nicht auf der Tagesordnung. Glück-

licherweise habe ichmich, wie viele

andere, getäuscht. Nach der Öff-

nung der Mauer habe ich erstmals

eineVereinigung für möglich gehal-

ten.

DieBundeswehr:

1960 sind Sie in

die junge Bundeswehr eingetre-

ten, 1961 wurde die Mauer errich-

tet.Wie hat dieses Ereignis auf Sie

als junger Soldat gewirkt und hät-

ten Sie jemals gedacht, die deut-

sche Wiedervereinigung noch in

Ihrer aktiven Dienstzeit zu erle-

ben?

Hans-Peter von Kirchbach:

Als

dieMauer errichtet wurde, war ich

Fahnenjunker und hatte mich auf

eine Dienstzeit von drei Jahren

verpflichtet. Am 13. August 1961

besuchte ich den Offizierlehrgang

an der Offizierschule inHannover.

Wir jungen Fahnenjunker waren

von dem Ereignis tief bewegt. In

den Gemeinschaftsräumen hingen

wir an den wenigen Fernsehgerä-

ten. Wir verfolgten intensiv die

Entwicklung der politischen

Lage, aber fast noch mehr die

menschlichen Schicksale, die Tag

für Tag sichtbar wurden. Der Sol-

dat, der über dieAbsperrung in die

General a.D.

Hans-Peter von

Kirchbach

Foto: Bombeke

Foto: Armeemuseum Eggesin