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Titel: Interview

11

Die Bundeswehr

September 2015

Fotos (3): privat

Die Bundeswehr:

An der Vereini-

gung zweier Armeen zu einer

„Armee der Einheit“ waren Sie

unmittelbar beteiligt. War es zu

erwarten, dass dieser Prozess ins-

gesamt so harmonisch abläuft?

Hans-Peter von Kirchbach:

Ich

weiß nicht, ob „harmonisch“ für

diesen Prozess die richtige Bezeich-

nung ist. Das klingt mir zu sehr nach

einem schönen Betriebsausflug.

Das war dieser Prozess beileibe

nicht.

Am Nachmittag des 3. Oktober

1990 wurde in einer Feierstunde in

Strausberg das Kommando über die

Soldaten der Nationalen Volksar-

mee vom Minister für Abrüstung

und Verteidigung der letzten und

einzigen frei gewählten Regierung

der DDR, Rainer Eppelmann, an

Gerhard Stoltenberg, den damali-

gen Verteidigungsminister, überge-

ben. Die Soldaten der NVA, schon

in den neuen Uniformen, wurden

Soldaten der Bundeswehr.

Nach der Zeremonie fuhr ich

nach Eggesin inVorpommern, einer

kleinen Stadt nahe der polnischen

Grenze, um das Kommando über

die Soldaten einer früheren Divisi-

on der NVA zu übernehmen. 4000

Soldaten, die alle noch einen Tag

zuvor die Uniform der Nationalen

Volksarmee getragen hatten.

Von der Freude, die die Men-

schen weithin bewegte, war unter

den Soldaten in Eggesin wenig zu

spüren. Unsicherheit beherrschte

die Gefühle der Menschen. Was

wird aus mir?Werde ich einen Platz

in der kleineren Bundeswehr fin-

den? Werde ich einen Platz im wie-

dervereinigten Deutschland fin-

den? Werde ich meine Familie

ernähren können? Diese Fragen

bewegten die früheren NVA-Solda-

ten und ihre Familien. Eine eher

Am 4. Oktober 1990 übernahm Hans-Peter von Kirchbach (r.) das Kommando über die

9. Panzerdivision der ehemaligen NVA im vorpommerschen Eggesin.

„Harmonisch“ war dieser

Prozess beileibe nicht

bange Erwartung gab es, was der

neue Staat bringen würde. Wir

waren also mit ganz schweren

menschlichen Problemen konfron-

tiert. Auch außerhalb der Armee

waren die Zeichen in dieser schwie-

rigen Gegend Deutschlands wider-

sprüchlich.

Für die Bundeswehr im Osten

galt es nun, in kürzester Zeit knapp

300 000 Tonnen Munition, rund

15 000 Waffensysteme, 2300 Lie-

genschaften zu übernehmen, zu

bewachen und zu konzentrieren.

Sofort musste mit der Verbesserung

der Lebensbedingungen begonnen

werden. Unkompliziert fingen wir

mit der Renovierung der Liegen-

schaften an. Die Grundwehrdienst-

leistenden, die einen Monat vor der

Vereinigung eingezogen worden

waren, mussten nach den Grundsät-

zen der Bundeswehr ausgebildet

werden. Keine Zeit ließ die verein-

barte Verkleinerung der Bundes-

wehr von etwa 600 000 Mann auf

370 000 Soldaten. So begann sofort

das Verfahren, in dem in einem

zweistufigen Auswahlprozess rund

3500 Offiziere und 8000 Unteroffi-

ziere in die Bundeswehr übernom-

men wurden. Weitere etwa 1500

Offiziere, Fähnriche und Unteroffi-

ziere wurden in ein ziviles Arbeits-

verhältnis übernommen. In einem

durchdachten Ausbildungssystem

wurden die übernommenen Solda-

ten auf ihre Aufgaben in der Bun-

deswehr vorbereitet.

Es galt aber gleichzeitig, eine

Vielzahl von Gesprächen zu führen,

mit den Offizieren, den Unteroffi-

zieren, den Mannschaften. Es galt,

die Vorstellungen der Bundeswehr

vonMenschenführung, die sich von

denen der NVA unterschieden, ent-

schlossen durchzusetzen. Es galt –

dies habe ich auch alsmeine persön-