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Flüchtlingsquartiere statt

Afghanistan-Einsatz – Bundeswehr hilft

Die Lage bei der Unterbringung von Flüchtlingen ist prekär.

In vielen Bundesländern leistet die Bundeswehr Amtshilfe.

Professionelle Hilfe für die Länder und Kommunen: Soldaten der Bundeswehr bauen Zelte auf, hier in

der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber (Zast) in Halberstadt.

Halberstadt.

Die weißen Acht-

Mann-Zelte kennt

Oberst Axel Lau-

tenschläger

nur zu gut. 2011 hat er in

solch einemZelt gewohnt – inAfgha-

nistan. „Ich hab mich mit acht Mann

im Zelt wohler gefühlt als mit drei

Mann im Container“, erzählt der 51-

Jährige beim Aufbau von 15 Zelten

für Flüchtlinge in Halberstadt. Schön

sind die Zelte nicht, und Freizeit-

Atmosphäre wie auf einemCamping-

platzkommt auchnicht auf.Dochdar-

um geht es nicht. Die Hilfe ist bitter

notwendig.

Rund 1000 Plätze bietet die Zen-

trale Anlaufstelle für Flüchtlinge des

Landes Sachsen-Anhalt (Zast) inHal-

berstadt normalerweise. Doch die

Plattenbauten, die einst von DDR-

Grenzern genutzt wurden, reichen

nicht aus. Zahlreiche Zelte hat bereits

das Deutsche Rote Kreuz auf dem

Gelände aufgebaut. Inzwischen sind

1900 Flüchtlinge in der Kleinstadt im

Harzvorland angekommen. Täglich

werden es 70 bis 100 mehr, sagt Zast-

Leiter

Eckhardt Stein

. Einige

Wochen werden sie bleiben, bevor sie

in der Regel auf die Kommunen ver-

teilt werden.

Das Gelände für die Bundeswehr-

Zelte hat eine private Firma planiert

und mit einem Schotterboden verse-

hen. Die Zelte wurden aus Schleswig-

Holstein nach Sachsen-Anhalt ge-

bracht. Pioniersoldaten, die normaler-

weise Feldlager errichten, bauten sie

auf. In den leeren Zelten ist die Luft

Foto: dpa

wehr an die Bundesanstalt für Immo-

bilienaufgaben (BImA) komplett

oder teilweise vorzeitig zurückgege-

ben hat, weil sie nicht mehr benötigt

werden. Zusätzlich stehen circa 2690

Plätze in Liegenschaften der Bundes-

wehr zur Verfügung, die zur Unter-

bringung von Flüchtlingen zeitlich

befristet mitbenutzt werden. So wird

beispielsweise seit dem 15. August

das Lager „Übende Truppe“ am

Standort Ohrdruf dazu genutzt, 180

Flüchtlinge und Asylbegehrende un-

terzubringen.

Insgesamt werden derzeit rund

9000 Flüchtlinge und Asylbegehren-

de in – teils ehemaligen – Liegen-

schaften der Bundeswehr unterge-

bracht. Die Ministerin betonte bei

ihrem Besuch in Sonthofen, für ein

LandwieDeutschlandmüsse esmög-

lich sein, mit dieser Situation umzu-

gehen. In Sonthofen wie anderswo

zeigt sich denn auch, wie konkrete

Hilfe funktionieren kann: So wurde

ein Teil der Fläche der Grüntenkaser-

ne abgetrennt und an die Bundesan-

stalt für Immobilienaufgaben überge-

ben, die dieses Areal der Stadt Sont-

hofen für die Unterbringung von

Flüchtlingen zur Verfügung stellt.

Hilfe erhalten die Flüchtlinge nicht

Rothenburg an der Fulda, Hamburg,

Düsseldorf undAugustdorf.

Auch in Hamburg wurde mit dem

Aufbau von Bundeswehr-Zelten

begonnen. In der Gemeinde Dober-

lug-Kirchhain im Süden Branden-

burgs wurde eineAnlage mit 63 Bun-

deswehr-Zelten für 500 Menschen an

das Land übergeben. Das Gelände der

ehemaligen Lausitz-Kaserne wird

derzeit als Flüchtlings-Unterkunft

eingerichtet, ist aber voraussichtlich

erst zum Jahreswechsel fertig. Solan-

ge sollen die Zelte als Notlösung die-

nen.

Wie die Zeltstädte aussehen wer-

den, zeigt zum Beispiel die schon in

Betrieb genommene Anlage des

Deutschen Roten Kreuzes in Halber-

stadt.Acht schmale Feldbetten stehen

eng nebeneinander, vor den Zelten

hängtWäsche auf der Leine. „Ich war

selbst überrascht über die Zelte in

Deutschland“, sagt der 23 Jahre alte

Syrer

Saud Murad

in perfektem

Deutsch. „Das Leben imZelt ist nicht

so wie zu Hause, aber es ist besser als

zu sterben.“ In Syrien sei er aus der

Armee desertiert. „Ich wollte kein

Mörder sein.“ Ein gleichaltriger

Mann aus Albanien erzählt dagegen

offen, er sei zum Arbeiten nach

Deutschland gekommen. „Das ist der

einzige Weg“, sagt er. In Albanien

sehe er keine Chance.

Rund 6 250 Flüchtlinge sind in

Kasernenoder aufFlächenbeherbergt

(Stand 19. August), die die Bundes-

stickig, das ganze Gelände noch kahl

und menschenleer.

Ermöglicht wurde der Einsatz der

Soldaten durch eine Amtshilfe. Das

Land Sachsen-Anhalt hatte ähnlich

wie andereLänder, etwaBrandenburg

unddieHansestadtHamburg, umZel-

te gebeten. EinKatastrophenfall –wie

es beim Bundeswehr-Einsatz beim

Hochwasser an der Elbe 2013 der Fall

war – musste dazu nicht ausgerufen

werden.

Aktuell

2

Die Bundeswehr

September 2015

„Wir helfen den

Flüchtlingen mit

allen uns zur Verfü-

gung stehenden

Mitteln.“

„Wir versuchen,

eine Willkommens-

kultur zu zeigen.“

Verteidigungsministerin Ursu-

la von der Leyen

hatte vielmehr

„maximale Kulanz“ zugesagt. „Wir

helfen den Flüchtlingen mit allen uns

zur Verfügung stehenden Mitteln“,

erklärte sie kürzlich beim Besuch der

Grüntenkaserne in Sonthofen. Dort

finden gegenwärtig rund 250 Flücht-

linge ein Dach über dem Kopf. Die

Bundeswehr unterstützt dazu etwa an

Standorten in Meßstetten, Fürsten-

feldbruck, Manching, Ellwangen,

Boostedt, Roth sowie Sigmaringen,

nur von der Bundeswehr – sondern

auch von Anwohnern. Mehr als 200

Menschen hätten sich gemeldet, um

zum Beispiel Deutschkurse anzubie-

ten oder Flüchtlingen einfach mal die

Stadt zu zeigen, berichtet Zast-Leiter

Stein in Halberstadt. „Wir versuchen,

eineWillkommenskultur zu zeigen.“

In der ersten Jahreshälfte 2015

kamen mindestens 180 000 Flücht-

linge nach Deutschland. Das waren

mehr als doppelt so viele wie im glei-

chen Zeitraum des Jahres 2014.

Nordrhein-Westfalen trägt als größ-

tes Bundesland mit mehr als 35 000

Asylsuchenden den höchsten Anteil,

gefolgt von Bayern mit knapp 30 000

Flüchtlingen. Die Behörden erwarten

für 2015 inzwischen bis zu 800 000

Flüchtlinge, die nach Deutschland

kommen.

DieVerteidigungsministerin sieht

allerdings das Flüchtlingsproblem

nicht allein durch deutsche Unterstüt-

zung als gelöst an. So sei auf den

Fluchtwegen weiterhin Hilfe notwen-

dig, außerdem müssten die Ursachen

für die Flucht in den Heimatländern

dringend beseitigt werden.

dpa