Background Image
Previous Page  7 / 89 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 7 / 89 Next Page
Page Background

Titel: Gastbeitrag

6

Die Bundeswehr

September 2015

25 Jahre deutsche Einheit –

ein Glücksfall

mit Nebenwirkungen

von Christian Thiels

O

h nimm der Stunde wahr, eh sie ent-

schlüpft. So selten kommt der Augen-

blick im Leben, der wahrhaft wichtig ist

und groß.“ Das Zitat aus Schillers Wallenstein

könnte auch die Überschrift für die dramatischen

Monate vom Herbst 1989 bis zum Oktober 1990

sein. Denn es war ein solch seltener Augenblick

in der deutschen Geschichte, der erkannt und

genutzt werden wollte. Ein Augenblick, in dem

die Menschen in der damaligen DDR friedlich

auf die Straßen gingen und die Öffnung der Mau-

er erzwangen. Ein Augenblick, in dem der

sowjetische Staats- und Parteichef Gorbatschow

auf Politik statt auf Panzer setzte und nicht

zuletzt ein Augenblick, in dem eine deutsche

Bundesregierung unter dem oft gescholtenen

Kanzler Kohl entschlossen und energisch die

richtigenWeichen stellte. Es war einAugenblick

der mutigen Entscheidungen – auf den Straßen

und Plätzen der DDR, in Bonn und in Moskau.

Und auch in Washington, denn ohne die Unter-

stützung der Amerikaner wäre es womöglich

nicht so zügig zur deutschen Einheit gekommen.

Der Widerstand, etwa in London und Paris, und

die zögerliche Verzagtheit, auch in der Sozialde-

mokratie, waren groß. Umso mehr gilt: Die deut-

sche Einheit ist ein Glücksfall der Geschichte –

allerdings einer mit Nebenwirkungen.

25 Jahre ist die Wiedervereinigung nun her.

Eine Generation ist bereits ohne persönliche

Erinnerung an Mauer, Flucht und Todesstreifen

aufgewachsen. Das ist ein Grund zur Freude,

doch es gilt auch, kritisch zu hinterfragen, was

gut gelöst, was fragwürdig behandelt wurde.

Auf den ersten Blick ist die Einheit gelungen.

Das deutsche Staatsoberhaupt ist ein Pfarrer aus

Rostock, die Regierungschefin eine Physikerin,

die inTemplin aufgewachsen ist. Die „blühenden

Landschaften“, die Helmut Kohl einst etwas zu

optimistisch in wenigen Jahren entstehen sah,

heute gibt es sie vielerorts: zauberhaft sanierte

Altstädte, wie in Dresden, Erfurt oder Meißen.

Aber in den pittoresken Gassen trifft man allzu

oft auch Menschen, die sehr kurze Haare tragen

– und das ist keine Frage der Frisurenmode.

Rechtspopulismus und -extremismus, Fremden-

feindlichkeit und Intoleranz gibt es in ganz

Deutschland.Aber warumbesonders stark in den

sogenannten „neuen Ländern“, hier vor allem in

Sachsen? Remarque beschreibt in seinem

Roman „ImWesten nichts Neues“, wie dünn die

Fotos (2): dpa

Firniss der Zivilisation ist: „Der Mensch ist an

und für sich zunächst einmal ein Biest, und dann

ist vielleicht noch, wie bei einer Schmalzstulle,

etwasAnständigkeit draufgeschmiert.“ DasAuf-

flammen des längst überwunden geglaubten

(oder gehofften) Rechtsextremismus überrascht

anscheinend weite Teile von Politik und Gesell-

schaft – vor allem imWesten der Republik.

Das mag auch mit einer gewissen Ignoranz

gegenüber der Besonderheiten in Erziehung und

Sozialisation der Menschen in der früheren DDR

zu tun haben. Wo Völkerfreundschaft mehr

zwanghaftes Ritual als gelebte Überzeugung

war, wo politische Parteien sich keinerlei Wett-

streit der Ideen lieferten, wo ein Land imWürge-

griff einer einzigen politischen Kraft als Diktatur

geführt wurde, die keinen Widerspruch duldete,

da entstand auch ein Nährboden für eine gewisse

Angst vor allem Fremden. Die wuchert immer

dann besonders, wenn es an eigener Selbstsicher-

heit und Zuversicht mangelt. Und wie soll die

angesichts hoher Arbeitslosigkeit und mangeln-

der Perspektiven auch entstehen? Auch 25 Jahre

nach der Einheit sind Löhne und Renten in Ost

und West immer noch unterschiedlich. Nicht

wenige fühlen sich unverstanden und abgehängt.

Berliner stürmen die Mauer in der Nacht

vom 9./10. November 1989.