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Titel: Gastbeitrag

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Die Bundeswehr

September 2015

böswilligen Westlern aus Angst vor Konkurrenz

zerschlagen wurden. Heute wissen wir, dass es

tatsächlich nur wenige Unternehmen mit Poten-

zial gab.

Auch beimAufbau neuer Verwaltungsstruk-

turen griff die alte Bundesrepublik den Lands-

leuten im Osten unter die Arme. Doch aus dem

Westen kamen keineswegs nur die Besten.

Neben motivierten und qualifizierten Idealisten

waren es oft auch eher mäßig talentierte Beamte,

die man loswerden wollte. Die Ergebnisse mus-

sten zwangsläufig so durchwachsen sein, wie die

Qualität der Aufbauhelfer. Mitten in der Einöde

entstanden riesige Gewerbegebiete komplett mit

Radwegen undAlleebäumen, aber ohne Investo-

ren. Kleinstädte bekamen Kläranlagen in Metro-

polen-Dimensionen. Allzu oft wurden die

Methoden und Standards des Westens ohne zu

Hinterfragen auch auf den Osten angewandt.

„Der entscheidende Fehler der deutschen Einheit

war, dass man sich nicht für den Osten interes-

siert hat“, bilanziert der Linken-Politiker Gregor

Gysi.

Und das galt in vieler Hinsicht auch für die

Streitkräfte. Zwar wird die Integration von

Kameraden der NationalenVolksarmee der DDR

(NVA) in die westdeutsche Bundeswehr gerne

unter dem Stichwort „Armee der Einheit“ als

Erfolgsgeschichte verkauft, doch für viele NVA-

Soldaten war es eher eine bittere Erfahrung. So

mancher hatte dasGefühl, besiegt worden zu sein

und nicht wenige in der Bundeswehr empfanden

sich als Sieger. Der Umgang mit den neuen

Kameraden aus den neuen Ländern entsprach

nicht immer den Prinzipien der Inneren Führung

und so mancher „Staatsbürger in Uniform“ ließ

das notwendige Einfühlungsvermögen vermis-

sen. So verließen viele Soldaten der NVA die

Bundeswehr und nahmen dabei ihre militärische

Expertise und ihre Lebenserfahrungen gleich

mit. Es war der BundeswehrVerband, der viel von

der Integrationsleistung für die Verbliebenen

übernahm. Und er ist es auch, der sich bis heute

um eine Gleichstellung bei Versorgung und Ren-

tenansprüchen bemüht. Bei den offiziellen Stel-

len hat diese Frage immer noch eine zu geringe

Priorität. Der Führung der Streitkräfte fehlte es

auch mit Blick auf die Ausrüstung an Weitsicht.

Das Gerät wurde harmonisiert und zwar auf

Basis der westdeutschen Standards und unab-

hängig von der Leistungsfähigkeit der in der

NVA vorhandenen Systeme.

Heute erleben nun Errungenschaften der

DDR, die einst aus politischen Gründen und aus

Überheblichkeit abgelehnt wurden, eine gewisse

Renaissance. Die Ganztagskitas etwa, die im

Westen wegen ihrer vermeintlichen Funktion als

politische Indoktrinationsanstalten abgelehnt

wurden, gelten heute als beispielhaft. Die

Erkenntnis hat Einzug gehalten, dass eine sach-

liche Befassung vonVor- und Nachteilen solcher

Einrichtungenmöglicherweise auch der Bundes-

republik (West) ganz gut getan hätte.

Trotz aller kritischerAnmerkungen darf man

aber nach 25 Jahren guten Gewissens eine posi-

tive Bilanz ziehen. Unterschiede bei Ost und

West gibt es natürlich nach wie vor, doch die

bestehen auch zwischen Schleswig-Holsteinern

und Bayern. Dass in der Phase der Wiederverei-

nigung Fehler gemacht wurden, kann niemand

bestreiten. Doch was wäre die Alternative gewe-

sen? Der frühere Kanzler Helmut Schmidt, der

nicht im Verdacht steht, ein großer Bewunderer

Helmut Kohls zu sein, bilanziert, dass „die

Gesamtleistung ein positives Prädikat verdient“.

Dem kann man sich nur anschließen. Die Einheit

ist ein Glücksfall für Deutschland, aber auch für

Europa. Die Nebenwirkungen sind verkraftbar,

aber es ist die gemeinsame Aufgabe aller, daran

zu arbeiten, dass auch sie möglichst bald ver-

schwinden.

Der Autor ist Chef vom Dienst der ARD-

Tagesthemen und Fachkorrespondent für Vertei-

digung und Sicherheitspolitik bei

tagesschau.de

Hinzu kommt, dass die historisch und politisch

zwar nachvollziehbare Definition der DDR als

„Unrechtsstaat“ von vielen seiner ehemaligen

Bewohner als grundsätzliche Abqualifizierung

ihrer persönlichen Lebensleistung durch diejeni-

gen wahrgenommen wird, die sich nicht mit den

Zwängen in einer Diktatur arrangieren und

Nischen für das eigene Leben finden mussten.

Noch heute herrscht bei dem ein oder anderen im

Westen ein gewisses blasiertes Unverständnis

über die Lebenswege und -leistungen der Men-

schen, die östlich von Mauer und Stacheldraht

aufgewachsen sind. „Ich habe nicht gewusst, wie

weit wir uns zwischen Ost und West in Deutsch-

land in vielen Bereichen des Lebensgefühls, der

Vorstellung, auseinander gelebt hatten“, erinner-

te sich Helmut Kohl 2003.

Die neue Zeit, die 1989/90 anbrach, war

geprägt vonAufbruch imOsten, aber ebenso von

Überheblichkeit im Westen. Auch, weil es eben

keine „Vereinigung“ war, sondern einAnschluss

– zumindest formaljuristisch. Denn die deutsche

Einheit erfolgte gemäß Art. 23 des (west-)deut-

schen Grundgesetzes, also als „Beitritt zumGel-

tungsbereich“, und nicht gemäß Art.146 durch

die Erarbeitung einer neuen Verfassung. Im

Nachhinein mag es leicht sein, das zu kritisieren,

damals gab es wohl keine Alternative. Die Men-

schen in der DDR wollten eine zügige Anpas-

sung der Wirtschaftssysteme. Sie wollten Frei-

heit, aber auch die D-Mark. In dieser Phase hielt

im Osten eine gewisse Wildwest-Attitüde Ein-

zug. Viele zwielichtige Gestalten machten sich

auf denWeg in die „neuen Länder“ und scheffel-

ten in kurzer Zeit obszön viel Geld – oft auf

Kosten naiver und gutgläubiger Menschen. Die

meisten Betriebe wurden abgewickelt, viele ver-

ramscht. Das Auftreten der halbseidenen, aber

selbstbewussten Westler hat viel zum Entstehen

einer wirtschaftlichen Dolchstoßlegende beige-

tragen, die besagt, dass die DDR-Betriebe

eigentlich wettbewerbsfähig waren, aber von

Christian Thiels, Chef vom

Dienst der ARD-Tagesthemen

Öffnung der DDR-Grenzen nach Westen

am 9. November 1989: Begrüßungsszene am

Berliner Grenzübergang Sonnenallee