Background Image
Previous Page  9 / 89 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 9 / 89 Next Page
Page Background

W

er heute durch Eggesin

fährt, kann nur noch

erahnen, welch enge

Bindung die Gemeinde einst zum

Militär hatte. Eggesin ist einOrt wie

so viele andere in den neuen Bun-

desländern, die ja nun so neu nicht

mehr sind. Das triste Grau aus

DDR-Zeiten ist längst verschwun-

den, frische Farbe ziert die Fassaden

der kleinen Häuser. Viele Platten-

bauten wurden abgerissen, andere

wurden saniert.

Verschwunden sind aber auch

die Streitkräfte, die jahrzehntelang

das Bild der Gegend geprägt haben.

ImRaumTorgelow/Eggesin war die

9. Panzerdivision der Nationalen

Volksarmee der DDR stationiert –

ein Eliteverband der ostdeutschen

Streitkräfte. Die Division war 1956

aus der Mechanisierten

Volkspolizeibereitschaft

Eggesin hervorgegangen.

Zu Friedenszeiten verfüg-

te die Division über mehr

als 8700 Soldaten. Mit der

Armee kam ein gewisser

Wohlstand in die Region:

Firmen siedelten sich an

und Arbeitsplätze ent-

standen für die Angehöri-

gen der Soldaten.

Damit war im Oktober 1990

Schluss – die Truppenteile der

9. Panzerdivision wurden unter den

Befehl des Bundeswehrkomman-

dos Ost gestellt. Damit wurde auch

dieTruppenpräsenz imRaumEgge-

sin in den Folgejahren immer gerin-

ger. Immer mehr Kasernen wurden

geschlossen, der Schießbetrieb auf

dem nahe gelegenen Truppen-

übungsplatz Jägerbrück immer wei-

ter zurückgefahren. Zumindest was

die militärische Präsenz angeht, ist

der Spruch, mit dem die Region

nahe des Stettiner Haffs beschrie-

ben wird, heute zutreffender denn

je: Waldmeer, Sandmeer, gar nichts

mehr.

Der DBwV hat einen Standort-

tag inTorgelow unweit von Eggesin

genutzt (siehe auch den Bericht auf

S. 34), um zwei Zeitzeugen zusam-

menzubringen, die die turbulente

Wendezeit selbst erlebt haben.

Oberst a.D. Karl Marschner war der

letzte NVA-Kommandeur der

9. Panzerdision in Eggesin. Oberst-

leutnant a.D. Hans-Günter Grüne-

bach kam hingegen als Offizier der

Bundeswehr nach Eggesin, um das

Kommando über das Pionierbatail-

lon 9 zu übernehmen.Wir haben die

beiden ehemaligen Offizieren zum

Gespräch gebeten.

yb

„Endlich war die

Ungewissheit vorbei“

9, dem Oberstleutnant Ziegenbein.

Danach haben wir uns noch mit

einigen anderen Leuten zusammen-

gesetzt und bei einemBier unterhal-

ten. Das mussten wir aber vor 24

Uhr beenden, weil ja dann alle nach

Hause mussten, um ihre NVA-Uni-

form auszuziehen

Die Bundeswehr:

Oberst Marsch-

ner, wie war das bei Ihnen?

Oberst a.D. Karl Marschner:

Der

Eine gemeinsame Reise

in die Vergangenheit

unternahmen Hans-

Günter Grünebach (l.)

und Karl Marschner.

Sie dienten in verschie-

denen Armeen, beide

verbindet aber der

Standort Eggesin.

Die Bundeswehr:

Wie haben Sie

beide den 3. Oktober 1990 in Erin-

nerung?

Oberstleutnant a.D. Hans-Günter

Grünebach:

Das war der Feiertag.

Wir hatten uns mit einem Offizier

verabredet, der uns einen groben

Überblick über Eggesin verschaffen

wollte. Wir haben eine Ortsdurch-

fahrt gemacht und sind dann zum

Kaffeetrinken in ein wunderschö-

nes Café auf dem Marktplatz von

Ueckermünde gefahren. Wir haben

uns zunächst nur recht oberfläch-

lich unterhalten, da alle imUmgang

miteinander noch etwas unsicher

waren. Dann sind wir zurückgefah-

ren.

Die Bundeswehr:

War das Ihr

erster Kontakt mit der NVA?

Grünebach:

Den ersten Kontakt

hatte ich am Abend vorher. Ich bin

am 2. Oktober mit dem privaten

Pkw aus Greven im Münsterland

kommend in Eggesin angereist.

Nachdem ich mich bei der Division

amMeldekopf gemeldet hatte, hatte

ich den ersten Kontakt mit dem

Kommandeur des Pionierbataillon

3. Oktober war eigentlich der Tag,

den wir herbeigesehnt hatten. Nicht

etwa, weil wir große Hoffnungen

hatten und dachten, das wird jetzt

auf einmal alles besser. Nein, wir

wussten jetzt, dass diese Ungewiss-

heit, die ja schon mehrere Monate

andauerte, nun endlich vorbei war.

Vorher wussten wir nicht, was

kommt und wie es kommt. Es gab

im Vorfeld Stimmen, die sagten, es

werden alle übernommen. Es gab

andere Stimmen, die sagten, es wer-

den alle ausgeschlossen. Wir Offi-

ziere waren ja nicht mehr glaubwür-

dig – was man auch verstehen kann.

Wir konnten nur das sagen, was wir

von unseren Vorgesetzten wussten.

Wir hatten ja keinen direkten Draht

zumBundesministerium derVertei-

digung. Mein Spruch war: Ich gehe

davon aus, dass es so ist wie überall:

Wer das Geld gibt, bestimmt. Und

ab dem 3. Oktober kommt das Geld

Titel: Interview

8

Die Bundeswehr

September 2015

Wo sich die Wege von Bundeswehr

und NVA kreuzten

In den Achtzigerjahren prägten

Soldaten der NVA den Alltag in

Eggesin.

Foto: dpa